Wer als Erwachsener in einer belebten Umgebung ein bestimmtes Gespräch heraushört, leistet etwas Bemerkenswertes. Das Gehirn filtert aus einem Gewirr gleichzeitiger Geräusche jene Klänge heraus, die „zusammengehören“ und trennt sie von allem anderen. Doch wann beginnt diese Fähigkeit? Braucht es dafür Erfahrung, Sprache, ja überhaupt Bewusstsein – oder ist sie von Geburt an vorhanden?
Genau das haben Forschende aus Ungarn, Frankreich, Italien und Österreich untersucht. Sie haben getestet, ob Neugeborene – wenige Tage alt, im Tiefschlaf – tonal zusammenhängende Muster aus einem zufälligen Hintergrundgeräusch herausfiltern können. Die Ergebnisse wurden jetzt in der Fachzeitschrift Frontiers in Human Neuroscience veröffentlicht.
Schlafende Babys, komplexe Klangwelten
Das Design der Studie sah vor, dass 33 gesunde Neugeborene im Alter von null bis vier Tagen während des natürlichen Schlafs Tonsequenzen lauschten. Gespielt wurden sogenannte Tongemische, in denen sich ein regelmäßiges Muster aus sich wiederholenden Frequenzen in einem Hintergrund aus zufällig wechselnden Tönen verbarg. Die Frage lautete: Reagiert das Gehirn des Neugeborenen überhaupt auf diesen Unterschied?
Mittels hochauflösender EEG-Aufnahmen, also der Messung elektrischer Hirnaktivität über 64 Elektroden auf der Kopfhaut, konnten die Forschenden die Hirnreaktionen der Säuglinge analysieren. „Das Gehirn eines Neugeborenen kann Signale nicht nur anhand bestimmter physikalischer und akustischer Unterschiede von Störgeräuschen unterscheiden, sondern auch anhand von Regelmäßigkeiten, die sich in Echtzeit herausbilden“, erklärt Co-Autorin Petra Kovács vom Institut für Schallforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW).
Automatisch von Geburt an
Die Ergebnisse zeigen: Sobald zusammenhängendes Tonmuster präsentiert wurde, zeigte das Gehirn der Neugeborenen eine messbar andere Reaktion als bei reinem Hintergrundrauschen. Und zwar in zwei zeitlich aufeinanderfolgenden Phasen: Zwischen 300 und 600 Millisekunden nach dem Einsetzen des Musters war eine Reaktion über den Schläfen- und Scheitelregionen des Gehirns zu beobachten, kurz danach folgte eine weitere Aktivierung über den Stirn- und Mittellinienregionen.
Diese Reaktionsmuster ähneln jenen, die man bei Erwachsenen als Zeichen einer erfolgreichen Klangobjekterkennung kennt – auch wenn sie bei den Neugeborenen mit längeren Verzögerungen auftraten. Das liegt vermutlich an der noch unreifen Myelinisierung, also der unvollständigen Isolierung der Nervenfasern im sich entwickelnden Gehirn.
Nicht alles auf einmal
Ein Unterschied zu Erwachsenen fiel dabei besonders auf: Bei ihnen skaliert die Hirnreaktion mit der Stärke des Signals – je klarer das Muster, desto stärker die Antwort. Bei den Neugeborenen war das nicht der Fall. Nur zwischen dem schwächsten und dem stärksten Signal ließ sich ein Unterschied nachweisen, feinere Abstufungen blieben unsichtbar. Das System ist also schon aktiv, aber noch nicht vollständig kalibriert.
Welche Bedeutung diese Befunde für das Verständnis der Entwicklung von Säuglingen haben? „Die Fähigkeit, regelmäßige von unregelmäßigen Klängen zu unterscheiden, ist eine grundlegende Voraussetzung für den Spracherwerb – denn auch Sprache folgt akustischen Mustern. Können wir sie vom Hintergrundrauschen trennen, ist das der erste Schritt, unsere Aufmerksamkeit auf sie zu richten und aus ihr eine Sprache zu lernen“, fasst Schallforscherin Kovács zusammen.
Auf einen Blick
Polver S., Kovács P., Háden G. P., Sziller I., Winkler I., Tóth B. (2026). Evidence for temporal-coherence-based segregation of complex auditory scenes in the newborn human brain. Frontiers in Human Neuroscience, 20, 1719515.
DOI: 10.3389/fnhum.2026.1719515