Zum insgesamt 12. Mal wurden heuer die START- und Wittgenstein-Preise vergeben: Die Wittgenstein-Preise 2007 gingen an den Biochemiker Rudolf Zechner aus Graz und den Wiener Mathematiker Christian Krattenthaler. Acht Spitzen-NachwuchsforscherInnen wurden mit dem START-Preis ausgezeichnet. Zwei der acht START-Projekte lassen sich dem Life Sciences Bereich zuordnen, darunter jenes von Thomas Bugnyar von der Universität Wien.
Der mit 1,5 Mio. EUR dotierte Wittgenstein-Preis ist Österreichs prestigeträchtigster Wissenschaftspreis, der im Auftrag des Bundesministeriums für Wissenschaft und Forschung seit 1996 jährlich durch den FWF vergeben wird.
Die START-Auszeichnung stellt die höchstdotierte (bis zu 1,2 Mio. EUR) und anerkannteste Förderung von NachwuchsforscherInnen dar, die aufgrund ihrer bisher geleisteten wissenschaftlichen Arbeit die Chance erhalten sollen, in den nächsten sechs Jahren finanziell weitgehend abgesichert, ihre Forschungsarbeiten zu planen und eine eigene Arbeitsgruppe aufzubauen.
Sowohl das START-Programm als auch der Wittgenstein-Preis sind für alle wissenschaftlichen Disziplinen offen. Die Gelder dürfen ausschließlich für Forschungsarbeiten in Österreich verwendet werden.
Insgesamt werden in den kommenden fünf bzw. sechs Jahren den zehn ForscherInnen rund 11 Mio. EUR für ihre Arbeiten zur Verfügung stehen.
Thomas Bugnyar: „Raben Politik: Verständnis und Nutzen sozialer Beziehungen“
Das Zusammenleben mit Artgenossen in strukturierten Gruppen mit Dominanz, Freundschafts- und Verwandtschaftsbeziehungen stellt eine kognitive Anforderung dar, die bei Primaten, wie auch bei Menschen, die Entwicklung von intelligentem Verhalten entscheidend beeinflusst. Interessanterweise ist unklar, inwieweit soziale Problemlösungen auf denselben kognitiven Mechanismen beruhen und welche sozio-ökologischen Rahmenbedingungen die Investition in bestimmte kognitive Leistungen fördern. Eine Möglichkeit zur Klärung dieser offenen Fragen könnte sich bei der Betrachtung von Vögeln bieten: jüngste Forschungen an der Gruppe der Rabenvögel (Raben, Krähen, Elstern und Häher) zeigen Intelligenzleistungen, die an jene von Primaten reichen, und führen zur Annahme, dass Rabenvögel in kognitiver Hinsicht eine Parallelentwicklung zu den Primaten darstellen. Allerdings ist wenig über die kognitiven Anforderungen und Leistungen im Sozialleben bei Rabenvögel bekannt. Dies wäre jedoch entscheidend, denn ein Vergleich zu den Primaten könnte zeigen, welche kognitiven Fähigkeiten durch ein Leben in komplexen Gruppen entstehen bzw. unabhängig von der phylogenetischen Abstammung durch Selektion gefördert werden. Das Ziel dieses Projektes ist daher soziale Komplexität als mögliche Triebfeder für die Entwicklung von Intelligenz bei Rabenvögeln zu untersuchen und am Modellsystem Kolkrabe Corvus corax eine umfassende Studie über das Verständnis und Gebrauch von Beziehungen zu Artgenossen durchzuführen. Raben sind wahre Meister im Einschätzen und Manipulieren von potentiellen Nahrungskonkurrenten. Zudem zeigen sie ausgezeichnete Fähigkeiten im Kommunizieren über Umweltereignisse, Lernen und Kooperieren auf Basis von freundschaftlichen Beziehungen, was sie zu viel versprechenden Kandidaten zur Erforschung von ‘politischen’ Fähigkeiten bei Vögeln macht. Das vorliegende Projekt zielt daher darauf ab, herauszufinden, was Raben über andere Individuen und ihre Sozialbeziehungen wissen und wie sie dieses Wissen im täglichen Gebrauch einsetzen. Folglich befassen sich die geplanten Studien (i) mit individuellem Erkennen (wie viele Artgenossen sind möglich und wie lange?) und dem Verständnis für dyadische und triadische Beziehungen (wie stehe ich zu anderen und andere zu einander?) bzw. (ii) mit dem Entstehen, Regulieren und Nutzen von Freundschaften (wann und mit wem soll ich mich verbünden und wie kann ich eine Freundschaft halten?). Alle Studien sollen auf einer Kombination aus Labor- und Freilandforschung beruhen, indem sowohl auf zahme Adulttiere aus der Haltung am KLF und ihren jährlichen Nachwuchs zurück gegriffen wird, als auch habituierten Wildraben einbezogen werden. Eine enge Kooperation mit verschiedenen Experten aus Psychologie und Biologie, sowie mit mehreren Corviden-Arbeitsgruppen in Europa und den USA, soll ein breites Spektrum an Methoden und vergleichende Arbeiten mit nah verwandten Arten ermöglichen. Speziell der integrative Aspekt dieses Projektes stellt eine Neuerung dar und soll bisher ungeahnte Möglichkeiten in der Erforschung tierischer Intelligenz etablieren. Falls Rabenvögel wirklich ihre soziale Welt in einer Art und Weise wie Primaten verstehen, würde dies stark für eine konvergente kognitive Evolution sprechen und Aufschlüsse über Selektionsdrücke, die den Intellekt fördern, geben.
Weitere Informationen und Rückfragen:
Mag. Stefan Bernhardt, MBA
Tel.: +43 1 5056740 DW 8111
stefan.bernhardt(at)fwf.ac.at
www.fwf.ac.at
Wittgenstein- und START-Preise 2007
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