Wir alle, die wir an der TU Wien zum technologischen Fortschritt beitragen, streben nach exzellenten Resultaten unserer Arbeit, nach der besten Lösung für ein Problem. Aber oft wird eine wichtige Frage übersehen: „Wem hilft die ‚beste Lösung‘ und wer bekommt eine schlechte?“
„Normal“ gibt es nicht
Eine Spracherkennung, die tiefe Stimmen besser erkennt als hohe, Fitness-Tracker, die körperliche Einschränkungen nicht berücksichtigen, Sicherheitseinrichtungen in Autos, die auf männliche Normkörper zugeschnitten sind und deshalb andere im Auto befindlichen Personen einem größeren Verletzungsrisiko aussetzen – die Liste unzulänglicher Innovationen lässt sich beliebig lange fortsetzen. Der gemeinsame Nenner: das Fehlen eines gender- und diversitätssensiblen Forschungsansatzes.
Der Begriff Gendered Innovations – zu Deutsch etwa „geschlechterreflexive Innovationen“ – bezeichnet einen Forschungs- und Innovationsansatz, der systematisch biologisches und soziales Geschlecht in Wissenschaft, Technik und Medizin berücksichtigt. Ziel ist es, die Lebensrealität aller möglichen Nutzer_innen schon im Design neuer Technologien zu berücksichtigen. Das Konzept geht auf mehr als vier Jahrzehnte feministischer Forschung zurück, die Fachgebiet für Fachgebiet gezeigt hat, wo Theorien und Methodiken Lücken aufweisen. So entstand ein großer Forschungsbestand, der vor allem für die angewandte und anwendungsorientierte Forschung von Relevanz ist.
Wir starten nicht bei Null
Auch die TU Wien weiß um diese Probleme und beschäftigt sich seit vielen Jahren damit. Ihre Forschenden werden daher mit einer Reihe von Ressourcen unterstützt:
- Ein wichtiges Tool ist das Portal „Geschlecht und Innovation“, das die Prinzipien gendersensibler Forschung erklärt und zudem eine umfangreiche Sammlung von Fallbeispielen zur Verfügung stellt. Es macht anschaulich, in welchen Bereichen Defizite vorliegen.
- Literatur-Reviews existieren derzeit zu den Themenfeldern Robotik, Energie, Mobilität und Mensch-Computer-Interaktion. Dazu gibt es auch deutsch- und englischsprachige Erklärvideos, die sich für einen Forschungsüberblick aber auch für den Einsatz in der Lehre gut eignen. Dass diese an der TU Wien produzierten Videos bereits über 44.000 Zugriffe haben, zeigt die Aktualität von Gendered Innovations.
Dass das Thema ernst genommen wird, lässt sich auch daran erkennen, dass heute nahezu alle Forschungsförderungsinstitutionen eine Erklärung dazu verlangen, ob und welche Gender- und Diversitätsaspekte die eingereichte Forschungsarbeit enthält. Forschende, die dazu eine persönliche Beratung wünschen, werden vom Gender Equality Office der TU Wien unterstützt.
Geschlechterreflexive Forschung spart Geld und Leid
Fehler in der Forschung können viel Geld kosten und Menschen schaden. Bekannte Beispiele stammen aus der Medizin, wo Medikamente überwiegend an Männern getestet wurden, was zu falschen Dosierungen, stärkeren Nebenwirkungen oder einer geringeren Wirksamkeit bei Frauen führt. Auch in Technik und Produktdesign spielt das Thema eine zentrale Rolle. Sicherheitsgurte, Airbags oder Crashtest-Dummies wurden lange Zeit auf den durchschnittlichen männlichen Körper zugeschnitten. Dadurch waren Frauen bei Autounfällen einem höheren Verletzungsrisiko ausgesetzt. Durch gendergerechte Forschung konnten inzwischen neue Modelle entwickelt werden, die unterschiedliche Körperformen und Sitzpositionen berücksichtigen und somit die Sicherheit für alle erhöhen. Bisher ist ihre Verwendung allerdings nicht verpflichtend vorgeschrieben. Die Bedeutung von Gendered Innovations liegt also auch darin, dass sie Innovationen fördert. Wenn Forschung vielfältigere Perspektiven einbezieht, entstehen neue Fragestellungen, Methoden und Lösungen. Unternehmen und Forschungseinrichtungen profitieren davon wirtschaftlich und gesellschaftlich, da Produkte passgenauer, nachhaltiger und inklusiver werden.
Last but not least haben Gendered Innovations eine klare gesellschaftliche Dimension. Der Ansatz trägt zur Chancengerechtigkeit bei, indem er die Bedürfnisse unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen sichtbar macht. Er hilft, strukturelle Diskriminierung in Wissenschaft und Technik abzubauen und stärkt das Vertrauen der Gesellschaft in Forschung und Innovation. Gerade in Zeiten globaler Herausforderungen – wie dem Klimawandel, steigender Wissenschaftsskepsis, dem demografischen Wandel oder der Digitalisierung – ist es entscheidend, dass Lösungen für möglichst viele Menschen funktionieren.
Kontakt
E034 – Gender Equality Office
Karlsplatz 13 / Stiege 9 / 1. Stock
1040 Wien
E-Mail: genderequality@tuwien.ac.at