Vetmeduni Vienna: Kampf oder Flucht? Sexualzyklus bestimmt Verhalten weiblicher Meerschweinchen

Aufgrund einer fixen Rangordnung müssen sich Meerschweinchen auf ihr soziales Gespür verlassen, wann sie sich behaupten oder flüchten. Bislang war unerforscht, ob sich der Sexualzyklus auf das Sozialverhalten der weiblichen Tiere auswirkt. Forschende der Vetmeduni Vienna und der Universität Wien zeigten nun, dass bei einer Konfrontation zweier Weibchen während der Brunst Flucht die bevorzugte Strategie war. Waren die Tiere nicht paarungsbereit, stieg dagegen der Stresshormonlevel stärker an und der Körperkontakt wurde häufiger.

Auch beim weiblichen Hausmeerschweinchen, Cavia porcellus, schwanken Hormone in Abhängigkeit der Fruchtbarkeit.. Die Schwankungen, die durch den Rhythmus von Brunst und Nicht-Brunst entstehen, könnten das Sozialverhalten der Nager beeinflussen. Denn das Zusammenleben von Meerschweinchen ist von einer Rangordnung geprägt, wo dominante Tiere im Vorteil sind.

Ob und wie sich der Sexualzyklus weiblicher Meerschweinchen auf ein Zusammentreffen etwa mit Artgenossinnen auswirkt, untersuchte nun ein Forschungsteam der Vetmeduni Vienna und der Uni Wien mittels Analyse von Verhalten und Hormonen. Die Ergebnisse zeigten eindeutig, dass Weibchen während der Fruchtbarkeit eher vor einander flüchteten, es aber außerhalb dieser Zeit auf eine Konfrontation ankommen ließen.

Achterbahn der Hormone gibt Verhalten vor

Bislang war eine Auswirkung der „Hormon-Achterbahn“ auf das Sozialverhalten von weiblichen Meerschweinchen weitgehend unerforscht. „Die Nager leben ähnlich wie viele andere Säugetiere in sozialen Hierarchien. Diese etablieren sich durch Konfrontationen zwischen Artgenossen. Erfolgreich und besser integriert sind dabei vor allem jene Tiere, die das richtige Näschen dafür haben, wann sie sich behaupten oder zurückziehen sollen“, erklärt Lisa-Maria Glenk von der Abteilung für Komparative Medizin des Messerli Forschungsinstitutes.

Eine Schlüsselrolle in diesem Geschehen spielen Stresshormone, da sie im Körper Energie für Flucht oder Kampf mobilisieren. „Um besser zu verstehen, wie Verhalten durch Sexual- und Stresshormone beeinflusst wird, konfrontierten wir Meerschweinchen mit einer unbekannten Artgenossin in einer Versuchsarena“, so die Erstautorin. Mit ihren KollegInnen vom Department für Verhaltensbiologie der Universität Wien untersuchte Glenk damit die Meerschweinweibchen zu zwei Zykluszeitpunkten, der Brunst, die die fortpflanzungsfähige Phase bedeutet und mit dem vorübergehenden Einreißen der Vaginalmembran beginnt, und der Nicht-Brunst, bei der die Membran bis zur nächsten Fruchtbarkeit  verschlossen bleibt.

Aus den Verhaltensbeobachtungen und Laborbefunden schlossen die WissenschafterInnen, dass aggressives Verhalten unabhängig vom Sexualzyklusauftrat. In der sogenannten heißen Phase ergriffen die Tiere angesichts der Kontrahentin jedoch deutlich häufiger die Flucht. Ein friedliches „Zusammensitzen“ konnte dagegen nur während der Nicht-Brunst beobachtet werden. Bei den nicht empfängnisbereiten Tieren war der Spiegel des Botenstoffs Kortisol im Blut außerdem vor dem Experiment niedriger, stieg aber während der Konfrontation deutlich an. Testosteron wurde in beiden Phasen nur geringfügig vermehrt ausgeschüttet. Die Resultate der Studie zeigen einen beachtlichen Einfluss des Zyklusstadiums auf Stresshormone sowie soziales und Fluchtverhalten. „Besonders interessant ist, dass es in der Nicht-Brunst unter dem hohen Kortisolanstieg zu vermehrten Körperkontakt kam. Das könnte den Tieren als Stresspuffer dienen“, so Glenk.

Der Artikel "Fight or flight? Effects of vaginal oestrus on cortisol, testosterone, and behaviour in guinea pig female-female interaction" von Lisa M. Glenk, Ivo H. Machatschke und Bernard Wallner wurde in Behavioural Processes veröffentlicht.