Salon A: Kritischer Blick auf die Digitalisierung im Gesundheitswesen

Ärzte und Apotheker monieren die oft praxisfernen Lösungen und fordern mehr Orientierung an den Bedürfnissen der Gesundheitsberufe und der Patienten.

Der dritte Salon A im heurigen Jahr, der von Salon A-Obfrau Mag. pharm. Dr. Ulrike Mursch-Edlmayr gemeinsam mit dem Vizepräsidenten der Wiener Ärztekammer MR Dr. Johannes Steinhart veranstaltet wurde, widmete sich dem Thema: „Digitalisierung und Gesundheit“. „Das Thema Digitalisierung ist zwar sehr präsent, wird allerdings nur allzu oft ausschließlich auf Expertenebene diskutiert. Dabei wird oftmals auf die praktischen Auswirkungen auf die direkt Betroffenen, Ärztinnen und Ärzte beziehungsweise Apothekerinnen und Apotheker, vergessen. Daher widmen wir uns diesem Thema unter diesem Gesichtspunkt“, erklärte Mursch-Edlmayr in ihrem Eröffnungsstatement.

„Man muss zwischen der bürokratischen und der beruflichen Digitalisierung unterscheiden. Der aus meiner Sicht spannendere Bereich ist die berufliche Digitalisierung, weil hier die größeren Veränderungen zu erwarten sind“, ergänzte Steinhart. Beispielsweise in der Befundung von Computertomographie-Bildern sei die Künstliche Intelligenz schon so weit fortgeschritten, dass sie in Routinefällen die menschliche Befundung übertreffe. Im Gegensatz zur menschlichen Befundung, zählen in der Digitalisierung nicht Erfahrung und Kreativität, sondern der sekundenschnelle Abgleich mit möglichen Diagnosefällen. „Solche Entwicklungen waren vor wenigen Jahren noch undenkbar. Ich würde das ähnlich sehen, wie das legendäre Schachturnier, bei dem es dem Schachcomputer Big Blue gelang, den damals amtierenden Schachweltmeister Garri Kasparow zu schlagen“, so Steinhart. Mittlerweile ist auch das schon überholt, weil es einen noch besseren, kompakteren Computer gibt, der Big Blue geschlagen hat, weil er besonders schnell lernt. „Solche Anwendungen der Künstlichen Intelligenz werden meiner Meinung nach den Beruf verändern“, schilderte Steinhart in seinem Vortrag. Generell sieht er in der Anwendung moderner computergestützter Technik aber einen Vorteil für Patientinnen und Patienten, da so noch mehr endoskopische, minimalinvasive Eingriffe möglich sind, die schnellere und bessere Heilung versprechen.

„Bei der Digitalisierung in der Verwaltung haben wir jedoch den Eindruck, dass die derzeit am Markt befindlichen Lösungen unsere Bedürfnisse nicht genügend abbilden“, betont Steinhart. Als Beispiel nannte er in diesem Zusammenhang den E-Befund (ein Teilbereich von ELGA), bei dem der Arzt für den Inhalt von 40 A4-Seiten haftet. „Im stressigen Alltag einer Ambulanz ist es unmöglich, diese Seiten pro Patient durchzuarbeiten. Was wir bräuchten wäre eine kurze und kompakte Zusammenfassung aller handlungs- und haftungsrelevanter Aspekte auf maximal zwei A4-Seiten“, regte Steinhart an. Wobei er hier weniger die EDV an sich in der Pflicht sieht, sondern eher die Informationsbeschaffung und Aufbereitung in einer darüber liegenden Metaebene. „Ich glaube aber dennoch, dass die größere Herausforderung nicht die administrative, sondern die berufliche Entwicklung sein wird. Wir müssen aber bei all dem technologischen Fortschritt darauf achten, nicht den Menschen zu verlieren. Daher wird es notwendig sein, dass wir uns auch über die Sicherheit Gedanken machen“, so Steinhart abschließend.

Von Warenwirtschaft über E-Medikation und elektronische Rezeptabrechnung bis zum elektronischen Impfpass reichen die derzeit schon verwendeten und unmittelbar bevorstehenden Anwendungen, mit denen die Apothekerinnen und Apotheker täglich arbeiten. „Da die Anwendungen nicht so vielschichtig sind und die Berufsgruppe homogener ist, konnten die Apothekerinnen und Apotheker schon früh in die Digitalisierung einsteigen und Pionierarbeit leisten. Wir sind generell offen und bereit für Neues“, erklärte Mursch-Edlmayr. Allerdings werde durch die geforderten Datenerhebungen und Eingaben an der Tara mehr Zeit mit dem Computer, und nicht mehr mit den Kundinnen und Kunden, verbracht. „Diese rein bürokratischen Instrumente kosten uns an der Basis oftmals viel Zeit in der Bedienung und bringen nicht immer einen konkreten Mehrwert. Wir sind neuen Entwicklungen gegenüber sehr aufgeschlossen, sehen aber Probleme, wenn die Usability nicht gut durchdacht und praxisgerecht ist“, erklärte Mursch-Edlmayr.

In der angeregten Diskussion der zahlreich erschienenen Gäste aus den Bereichen Medizin, Apothekerschaft sowie der Pharmawirtschaft zeigte sich klar, dass die Usability vieler derzeit in Österreich zentral ausgerollter Digitalisierungsanwendungen im Gesundheitsbereich von den Anwendern oftmals als unpraktisch empfunden werden. Auch habe es regional einige durchaus den Bedürfnissen mehr entsprechende Pilotversuche gegeben, die allerdings zu Gunsten einer bundeseinheitlichen Anwendungslösung nicht weiter verfolgt wurden.

Bezüglich der unterschiedlichen Meinungen über die Hausapotheken von Ärztinnen und Ärzten meinte die Salon A-Obfrau, dass es auf Kammer-Ebene immer wieder zu unterschiedlichen Auffassungen kommen könnte, an der Basis würden Ärztinnen und Ärzte mit Apothekerinnen und Apothekern sehr gut und intensiv zusammenarbeiten. „Wir sind auch in diesem Versorgungsthema, das vor allem durch die Medien hochgespielt wird, im guten Gespräch. Wichtig ist aber, dass wir uns in den großen und wirklich wichtigen Themen einig sind“, betonte die Salon A-Obfrau abschließend.